Ultra – WM: Vronis Bericht

Die Ultra Trail WM 2018 ist Geschichte. Es war ein tolles Erlebnis, und mit dem Resultat bin ich zufrieden. Zwar hätte es besser laufen können, aber auch schlechter. Mein vorab gestecktes persönliches Ziel, zu zeigen, was es (für mich) bedeutet, einen Ultra zu laufen (s. WM - Vorbericht) habe ich definitiv erreicht. Bereits gemachte Fehler konnte ich vermeiden, und aus neuen „Problemen“ habe ich dazu gelernt... für‘s nächste Mal 😉

Mittwoch Abend landet mein Flieger in Valencia, von wo ein Shuttlebus einige zeitgleich ankommende Athleten aus den Niederladen, USA, Norwegen und mich abholt, um uns ins Athletenhotel nach Benicassim zu bringen. Da ich mich vorher nicht genau informiert habe, wo wir den Aufenthalt über untergebracht sind, realisiere ich erst bei der Ankunft, dass es von der Unterkunft nur gute 5 Gehminuten bis zum Meer sind. Erfreut mache ich noch einen Abendspaziergang und falle danach todmüde ins Bett.
Am nächsten Morgen tummeln sich bereits alle möglichen Nationen am Frühstücksbuffet, und ich freue mich sehr darüber, die in Tirol lebende Schwedin und Siegerin vom GGUT 2016 Kristin Berglund zu treffen. Als ich nach einem kurzen, lockeren Lauf am Strand ins Hotel zurückkehre, ist bereits das gesamte Österreich-Team angekommen: Claudia Rosegger, Ina Forchthammer, Florian Grasel, Gerhard Schiemer, Daniel Jochum, Robert Ressl-Moyer.

Unser Teamcoach und WM-Routinier Michael Wolf leitet uns zur Health Policy-Kontrolle, Flo und ich müssen außerdem zum Doping-Test. Anschließend werden alle Athleten der teilnehmenden 49 Nationen in Bussen nach Castellon chauffiert, wo der Fahnenaufmarsch und die Eröffnungsfeier stattfinden wird. Michael teilt mir die große Ehre zu, die österreichische Flagge zu tragen. Langsam schreiten wir durch die Gassen von Castellon – ganz viele Zuschauer applaudieren, begrüßen und fotographieren die Athleten. Auf dem Rathausplatz findet der Zug sein Ende, die Fahnen werden auf der Bühne aufgestellt, und jede Nation darf sich von der Menge bejubeln lassen.



Selbst wenn es etwas langatmig wird und wir alle während der obligatorischen Begrüßungsansprachen bereits eine riesen Hunger haben, ist es ein tolles Fest und einmaliges Erlebnis. Um 22:30 Uhr zurück im Hotel stürzen sich alle Trailläufer über das Buffet. Gut, dass noch ein Tag zum Ausruhen übrig ist.

Am Freitag nach dem Frühstück verabreden Ina, Kristin und ich uns zu einem gemütlichen Lauf am Strand.

Danach findet sich das Österreich-Team zur Besprechung ein. Michael erzählt die letzten Infos vom Technical Meeting und unsere Betreuer (Manfred, Susi, Tifanei) werden eingeteilt und instruiert.

Danach setzt sich bei jedem das übliche pre-race Herrichten und Herumwurschteln fort. Außerdem schaue ich mir nochmal das Streckenprofil genau an. Wie werde ich mir das Rennen einteilen? Die gesamten 87km und rund 5000hm?

Es sind 8 Labestationen – also in 8 Achteln – 8 unterschiedliche Achteln, wie ein Trinklied von Labe- zu Labestation. Diese „Taktik“ sollte sich schließlich auch als sinnvoll erweisen, dachte ich mir doch nach dem siebten Achtel: „wow – nur mehr 9km bis zum Ziel und zwei Steigungen“, ohne vorher von der gesamten Distanz „erschlagen“ zu werden.

Mit Essen, einer tollen Waden-Massage von Susi und dem Versuch eines „aufgeregten Entspannens“ vergeht die restliche Zeit bis zum zeitigen Ins-Bett-Gehen, schließlich ist das Frühstück für 3:30Uhr angesetzt.

Mit den Autos fahren wir rund 20min in der Finsternis nach Castellon. Der Start befindet sich am großen Sportgelände der Universität, und es ist ein lustiges Bild, wie sich all die Trailläufer mit Rucksack und gesamter Ausrüstungsmontur auf der Laufbahn vorbereiten, bevor pünktlich um 6:00Uhr der Startschuss zur Ultra Trail WM 2018 fällt.

Wie zu erwarten, ist auch hier das Anfangs-Tempo unglaublich hoch. Ich lasse mich aber nicht mitreißen und kann schon bald ,ohne schneller zu werden, mit einem kontinuierlichen Überholen beginnen. Nun geht auch die Sonne auf. Die ersten zwei Achteln zwischen den „kleinen“ Labestationen vergehen sehr zügig. Ich fühle mich gut, laufe konstant und ohne mich allzu sehr anzustrengen, dafür wird später noch genug Zeit sein. Auch sind die Trails (noch!) nicht sonderlich anspruchsvoll, die Bergauf-Passagen nicht sehr steil, bergab und im Flachen ist oft auf breiten Forststraßen zu laufen. Mit meinem Liter Flüssigkeit komme ich gut bis zur ersten großen Labestation in Userers aus, und hier nach rund 31km und 1500hm sind schon 3 Achtel geschafft!
Jetzt ist es aber wirklich an der Zeit, die flasks neu zu befüllen. Die Sonne ist schon voll heraußen, und es wird immer heißer. Ich nehme die Stecken von Susi entgegen und mache mich auf den Weg ins vierte Achtel, das mit nur 10km und 440hm sehr kurz ist und außerdem gleich zur zweiten von den drei größeren Labestationen in Atzeneta, an denen auch die eigenen Betreuer helfen dürfen, führt. Auch dieser Teil ist bald und ohne Probleme geschafft!

Doch jetzt geht dieser Ultra-Trail erst richtig los. Die nächsten 4 Achteln werden deutlich schwieriger, „trailiger“, steiler, länger und somit die Abstände zwischen den Labestationen immer größer. Außerdem zeigt sich die spanische Mittagshitze jetzt in ihrer vollen Intensität.

Sicherheitshalber nehme ich noch zusätzlich eine 0,25er flask mit und verlasse die zweite Labe in Atzeneta. Dabei freue ich mich noch sehr über die motivierenden Rufe von Josef Mayerhofer, Veranstalter des Mozart100, der es sich an diesem Wochenende nicht nehmen ließ, das österreichische Team bei der WM vor Ort anzufeuern.
Als es einige Kilometer flach am Asphalt dahin geht, bemerke ich, dass eine meiner flasks undicht ist und sukzessive ausrinnt. Das verschafft zwar anfangs eine angenehme Kühlung, aber unterm Strich sollte mir gerade dieser 1/2l Flüssigkeit in der Mittagshitze fehlen. Ab km51 geht es zudem erst mit den sehr steilen Anstiegen los, und ein leichtes Hungergefühl macht sich bemerkbar. Es wird also ziemlich mühsam. Was wär auch ein Ultra auch ohne Einbruch, und ohne zumindest etwas kämpfen zu müsse? 😉

Ich versuche mir die restliche Flüssigkeit gut einzuteilen. Ein Blick auf das Streckenprofil auf der Startnummer: bei km61 ist die nächste Labe. Bis dorthin muss ich es schaffen. Ich denke an ein paar Löffel Nudeln und an das Cola, die mich retten werden. Beides wird bald notwendig sein – mir ist schon sehr schwindelig, und ich werde immer langsamer, auch bergab.
Meine Uhr zeigt mir endlich km61 an, doch weit und breit keine Labe. Nochmal schaue ich auf das Streckenprofil auf der Startnummer ... Vroni, Vroni, du blindes Hendl, schau genau: km 62!... und der Ort der Labestation heißt „Vistabella“! Dass eine „schöne Aussicht“ nur oben sein kann, hättest du dir auch denken können. Mir schwant Übles, als ich die Häuser oben auf dem Hügel vor mir sehe. Groß ist die Versuchung, vor diesem Anstieg kurz zu rasten, mich hinzusetzen, die Augen zu schließen, um mich kurz von diesem Schwindelgefühl zu befreien, gleichzeitg: dann dauert es noch viel länger, bis ich das Durst und Hungergefühl beheben kann. So fokussiere ich mich mit aller Kraft und der noch vorhandenen Konzentration darauf, dieses verflixte sechste und sicher für mich schwierigste Achtel zu beenden. Ich denke an meine eigenen Worte: Vroni, du kannst auch aus einem Einbruch wieder ausbrechen!

Geschafft! Susi und Manfred muntern mich auf, ich setze mich kurz hin, ein paar Löffeln Nudeln, Trinken, Eisspray zur Erfrischung. Danach geht es mir wirklich viel besser, und im Nachhinein ist gerade das mein persönliches Highlight an diesem Rennen, dass sich der Einbruchszustand nicht bis zum Ende des Ultras fortgesetzt hat.

Nun liegen nur mehr zwei Achtel vor mich. Das siebte ist mit 16km und 1000hm zwar das längste, trotzdem geht es nach dem sechten wirklich gut voran und bei der letzten Labe bei km 77, sind es nur mehr 9km und zwei Anstiege mit 380hm ins Ziel – das sollte jetzt auch kein Problem mehr sein.

Als ich die letzten 3km bergab noch richtig Gas geben kann und absolut nicht die Lust habe, mich von irgendjemand überholen zu lassen, kommen so richtig die Glücksgefühle auf. Endlich hört man die Zuschauer im Zielgelände, Michael reicht mir auf den letzten Metern die österreichische Flagge, und ich laufe als 33. Frau in einer Zeit von 11:39min ins Ziel.

Ina ist noch auf der Strecke, schlägt sich aber toll auf ihrem ersten Ultra, Daniel musste leider wegen Magenkrämpfen aufhören, die anderen Österreicher sind allesamt schon gut im Ziel angekommen. Claudia lief bei ihrem ersten langen Ultra ein phänomenales Rennen und erreicht den 19. Platz! Flo wurde auf Platz 47. bester Österreicher, Gerhard landete - unverwüstlich wie immer - auf Rang 67., Robert auf Platz 77.

Die Teilnahme an der Ultra Trail WM war ein wunderbares Erlebnis und Abenteuer. Ich möchte ganz herzlich DANKE sagen bei allen, die mich dabei unterstützt, mitgefiebert und angefeuert haben: dem Salewa Store Wien, der Volksbank, dem USI Wien, dem Gesundheitszentrum Springbrunn, Zsolt und Adri vom ASZE Massage-Team, meinen TeamkollegInnen Ina, Claudia, Flo, Robert, Gerhard, Daniel, unseren Betreuern Susi, Manfred, Tifanei und unserem Coach Michael für die schöne, spannende und auch lustige Zeit gemeinsam, sowie all den vielen lieben Freunden, Bekannten, Menschen, die mir die Daumen gedrückt und an mich gedacht haben!

Vielen Dank!
Eure,
Vroni

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