wenn’s nicht mehr geht….

 

..vom Scheitern auf hohem Niveau. Mit ein paar Wochen Abstand hat Vroni ihren Bericht zum Glockner - Ultra verfasst:

MUT ZUM AUFHÖREN

Es zieht von allen Seiten her zu. Dichter Nebel steigt auf, versteckt den Gipfel, verbirgt den Zustiegsweg zum Gletscher, den wir mühsam durch Fels, Schutt, Block gesucht haben. Jetzt anseilen, schauen, dass bei allen die Steigeisen fest halten, dann 2 bis 3 Stunden hinauf, an der Schlüsselstelle zur Sicherung Eisschrauben setzen, wenn Glück auf den Gipfel, vermutlich ohne Sicht, und dann alles zurück, geschätzte 5 Stunden. Kein Netz, auch keine Notrufe, 3 von 5 der Gruppe ohne Hochtourenerfahrung, ab früher Nachmittag Gewitter-Ansage, und wir haben jetzt schon länger gebraucht als erwartet. Gehen wir halt noch, so weit wir kommen! Nur ein Stück, Vroni, damit ich endlich einmal am Gletscher gewesen bin. Für 14 Uhr sind Gewitter angesagt – das kann sein, muss aber nicht, nicht wahr?!
Jessy und ich stehen schon am Gletscher. Jetzt sieht man bald gar nichts mehr, weder hinauf Richtung Gipfel, noch zurück Richtung Aufstiegsweg. Es macht einfach keinen Sinn, die Gruppe und mich bewusst in ernsthafte Gefahr zu bringen. Nein, wir drehen um!

Während alle die Steigeisen ablegen, kommt tosender Wind auf. Binnen 30 Sekunden ist es um mindestens 10 Grad kälter. Zieht euch gleich die Regenjacke an! Vorsichtig machen wir uns auf den Rückweg. Es regnet, Graupelschauer, dichte Schneeflocken wie im Winter. Am nassen Fels ist es sehr leicht auszurutschen. Ebenso am unter dem Schutt versteckten Eis und auf dem frischen Schnee. Langsam, konzentriert, schweigsam. Als wir nach ca. 45min beim hinteren Umbaltörl angekommen sind, hat es aufgehört, der Nebel lichtet sich, gut sieht man hinunter ins Tal nach Kasern, die Dreiherrenspitze ist immer noch verdeckt. Wir hätten auch biwakieren können, Vroni, und nach einer Stunde weiter! Wir hätten… Wir hätten können…
Aber jetzt sind wir am Rückweg, das ist gut, das ist vernünftig, das war und ist meine Entscheidung. Im Hochgebirge ist der Grat zwischen Risiko und Verantwortung immer schmal und zumeist absturzgefährdet.

Genauso wie drei Wochen zuvor beim GGUT. Rund 200 m vor der Rudolfshütte, schon 80km, 6000hm in den Beinen, 13 Stunden unterwegs seit 23 Uhr. Es geht leicht bergauf. Ich gehe ein paar Schritte, bleibe stehen, stütze mich auf den Stecken ab. In den letzten Stunden seit Kals halten sich Laufen und Gehen die Waage. Letztes Jahr war es auch ein Wandertag, doch diesmal ist es anders. Ich habe einfach keine Kraft mehr, bin erschöpft. Mir ist schwindelig, und alles was ich in den letzten Stunden mühsam versucht habe zu essen, zu trinken verleiht einfach keine Energie mehr. Ich kenne die Strecke - die nächsten 30km werden eine reine Qual, Tortur und im schlimmsten Fall Totalvernichtung. Die immer lächelnde Vroni ist schon lange nicht mehr im Rennen. Das Ursprungsziel, die letzten 50km zu genießen, hat sie definitiv nicht geschafft. Und wenn du jetzt noch weiter machst, machst du alles nur noch schlimmer. Ich stütze mich nochmal ab, atme durch, schaue zum Himmel, es macht keinen Sinn. Ich höre auf. Dieses Rennen hat hier für mich sein Ende.

Nein, es war keine gute Idee, drei Tage vorher auf die volle Distanz umzusatteln.
Nein, es war keine gute Idee, die ganze Saisonplanung kurzfristig umzuwerfen.
Ja, auf den GGUT muss man sich gut und angemessen vorbereiten, wenn man würdevoll ins Ziel kommen will.
2016 habe ich durchgekämpft. Es war hart, aber rund 7 Monate lang hatte ich mich genau auf diesen Bewerb vorbereitet und fokussiert. 2017 wollte ich in einer Staffel starten, um den zweiten Teil der Strecke, also die 50km von Kals nach Kaprun, „mit ohne“ schon 60km in den Beinen genießen zu können. Doch als sich Staffelpartner Markus einige Tage vorher verletzte und wir nach mehrmaligem Hin und Her beschlossen, vernünftigerweise die Staffel aufzulösen, setzte sich wie eine Tarantel in meinem Kopf die Idee fest, spontan die volle Strecke des GGUT zu laufen. Alle Vernunftgründe, die klar und deutlich dagegen sprachen – egal! 110km/6500hm – warum nicht?! Dank der unkomplizierten und sofortigen Kooperation von Veranstalter Hubert Resch war es überhaupt problemlos möglich, auf einen anderen Bewerb zu wechseln. Aber ich hätte auch auf den 50er… Ich hätte… ich hätte können… aber diese Weisheit im Nachhinein ist eben eine eigene Sache. Auch meine Mutter sähe mich lieber auf der kürzeren Distanz, hatte ich doch das ganze Jahr groß verkündet, 2017 keinen Hunderter zu laufen…
Den Mittwoch vor dem Rennen kann ich noch kurzfristig zu einem „Ruhetag“ umstrukturieren, Donnerstag ist mit allerlei Terminen in Wien verplant, noch rasch ein Motivationsbesuch bei Manuel im Salewa Store, am heißen Freitag geht es mit dem Auto nach Kaprun, Startnummer holen...

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… nach Zell ins Quartier, und dann sind es nur mehr wenige Stunden bis zum Start. Der übliche x-malige Ausrüstungscheck, und um 21:30 Uhr schon wieder zurück nach Kaprun. Wetter sollte mitspielen, keine Gewitter in der Nacht. Kleidersack abgeben, Streckenbriefing, Startschuss um 23:00 Uhr und hinein in die Dunkelheit.

Von Anfang an laufe/gehe ich mein Tempo – zügig aber nicht zu schnell. Gerade deshalb bin ich verwundert, die französische Favoritin und letztlich auch Siegerin Juliette Blanchet lange Zeit bis zur Unteren Pfandlscharte vor mir zu sehen. Bergauf fühle ich mich deutlich wohler als noch vor einem Jahr, auch die Technik mit den Stecken passt bereits viel besser. Einzig diese blöde Stirnlampe verrutscht permanent beim Bergablaufen. Wir passieren Fusch, weiter nach Ferleiten. An der Labestation sehe ich, wie das die Profis machen. Blanchet läuft zu ihrem Betreuer, der einen Campingsessel vorbereitet hat, tauscht indes nur ihre leeren Flasks gegen neue aus und läuft sofort weiter. Ich nehme mir Zeit, trinke ausreichend, fülle nach, dann geht es weiter auf der Forststraße Richtung Pfandlscharte – und ich freue mich richtig darauf!

Anders als im letzten Jahr ist es diesmal stockfinster, kein klarer Sternenhimmel, nur das Licht der Stirnlampe(n) und auch dieses wird – trotz aufgeladenem Akku – immer schwächer. Pflicht-ausrüstung: Ersatzbatterien, eine zweite Stirnlampe – jetzt weiß ich, warum. Im Gehen wühle ich in meinem Rucksack und tausche die Stirnlampen aus. Die sitzt immerhin auch deutlich besser. Hinauf geht‘s den steilen Anstieg. Ein Blick zurück – allein dieses unvergleichliche Schauspiel der langen Lichterkette das Tal auswärts ist den Start beim GGUT wert. Als das Schneefeld beginnt, weiß ich: jetzt sind wir bald oben. Letztes Jahr hatte ich die Scharte gerade bei Sonnenaufgang erreicht, diesmal ist es noch finster, als ich mit dem Bergab-Stück zum Glocknerhaus beginne. Und das macht richtig Spaß! Jawohl, mit dem Nachtlauf-Teil des GGUT war/bin ich sehr zufrieden, auch trotz DNF.
Wie bei jeder Labestation des GGUT sind die Helfer beim Glocknerhaus freundlich, motivierend und wünschen mir alles Gute für den nächsten Aufstieg zur Pfortscharte. Es geht über die Staumauer und aufwärts. Jetzt wird es hell. Ich sehe Richtung Pasterze. In einer Woche werde ich wieder hier sein, für die AV-Ausbildung auf der Oberwalderhütte. Dann habe ich mehr Zeit zum Genießen. Glockner – du bist so schön, groß, erhaben und ich so unglaublich klein!

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Nach der Pfortscharte läuft es nicht mehr so flüssig, wie ich es wünschte. Ärgerlich – warum wird es jetzt schon mühsam?! Salmhütte vorbei, nächster Anstieg. Es beginnt stark zu regnen. Immerhin ein Grund stehen zu bleiben, um die Regenjacke anzuziehen. Alles ist plötzlich furchtbar anstrengend, und ich merke, wie ich mit einem Mal extrem müde bin. Die Bergretter am Übergang feuern mich gut gelaunt an, obwohl sie im Regen stehen müssen, um auf die Sicherheit der Teilnehmer zu achten. Zum Glück komme ich beim Bergab-Laufen zum Lucknerhaus wieder etwas in Schwung. Jetzt bin ich gespannt auf die neue Streckenführung nach Kals, doch selbst meine Neugier kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bergauf viel langsamer geht als ich erhofft hatte. Jetzt setze ich alles auf die Nudeln in Kals. Letztes Jahr hatte mir die Portion Pasta einen richtigen Energieschub verschafft. Doch dieses Jahr stochere ich nur kurz darin herum, nehme ein paar Bissen, ich bekomme einfach nichts runter. Auch von meiner Eigenverpflegung – es geht einfach nicht. Also weiter. Und dann kommt das, was ich eigentlich vermeiden wollte. Es ist (fast) flach, es ist Asphalt, und ich muss gehen. Vroni, du hast dein Ziel schon nicht erreicht. Seit Anfang des Jahres wolltest du das Streckenstück von Kals nach Kaprun gut und zügig durchlaufen, und schon jetzt bist du gescheitert. Ich hätte doch… ich hätte doch können…
Jammern hilft aber nichts, und ich versuche in einen langsamen Laufrhythmus zu kommen, wechsle aber immer mit Gehen ab. Das schöne Dorfertal hinein. Bei der Rudolfshütte wird dann Evelynes Pepi bei den Betreuern dabei sein, das weiß ich, und ich freue mich schon auf das bekannte, stets aufmunternde Gesicht.
Vorher treffe ich aber noch nach dem Kalser Tauernhaus unerwartet auf Trailbeard Florian Grasel. Danke, Flo, für‘s Motivieren und die Fotos!! Das hat mir echt noch eine riesen Portion Kraft für den Aufstieg zum Kalser Tauern gegeben.

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Foto: Florian Grasel

Nun hadere ich schon sehr mit meinem Zustand, und vorallem damit, dass ich nichts daran ändern kann. Bergauf muss ich immer wieder stehen bleiben, um zu rasten. Ich fühle mich absolut nicht wohl, versuche mich auf den Weg zu konzentrieren und bergab auf den regen-nassen Felsen nicht auszurutschen. Das macht mir doch an sich alles so viel Spaß, und jetzt...?! Du richtest dich gerade zu Grunde. Es ist noch weit, es ist noch sehr weit bis nach Kaprun. Der Aufstieg zum Kapruner Törl – noch bin ich in der Lage, selber zu entscheiden, wann ich aufhöre. Autonomie, Verantwortung – aber nicht nur für mich, auch für die Leute, die mich holen müssen. Nicht so lange, bis es gar nicht mehr geht. Nur so lange, bis ich es selber in der Hand habe. Dann die nächsten durchgeplanten Wochen – Urlaub, Ausbildung, Trailrunningcamp, Bergsteigen…, meine Mutter, der ich versprochen habe, aufzuhören, wenn es mir genau so geht, wie jetzt. In meinem Kopf reiht sich eine Pro-Aufhören-Liste zusammen, das hatte ich noch nie. Diesmal ist es die Vernunft, die die Liste schreibt, nicht die blinde und taube Euphorie, die mich vor wenigen Tagen noch zum 110er verführt hatte.
Die Rudolfshütte, „mein“ Ziel, ist schon ganz Nahe, letzter Anstieg, ich stütze mich wieder auf den Stecken ab, atme durch, schaue zum Himmel, es macht keinen Sinn. Ich höre auf. Dieses Rennen hat hier für mich sein Ende.

Ich komme in die Rudolshütte, Pepi, Hausi und der ganze Trupp sind so unglaublich nett und fürsorglich. „Pepi, ich glaub‘, ich hör‘ auf.“ Gleich lege ich mich auf einer Holzbank nieder. Ich will nur die Augen schließen und schlafen. Sie tasten meinen Puls, nein, das Bewusstsein verliere ich nicht, aber ich habe auch keine Ahnung mehr, wie lange ich dort liege. Es ist mir gerade alles egal.

Nach unbestimmter Zeit komme ich wieder zur mir. Das Live-Tracking! Sie werden sich Sorgen machen! Meine Eltern, mein USI-Team. Ich gebe allen Bescheid, es geht mir gut.
Dann mache ich mich mit der Gondel auf den Weg ins Tal, netterweise nehmen mich drei Damen vom Betreuerteam gleich direkt mit nach Kaprun.

Ich weiß, es war die richtige Entscheidung aufzuhören. Manchmal braucht es mehr Mut, sich die eigenen Grenzen einzugestehen, als solang weiterzumachen, bis man nicht mehr in der Lage ist, selber eine Entscheidung zu treffen. Beim Bergsteigen, beim Trailrunning muss der Respekt vor den Bergen und ihren Gefahren immer größer sein als verbissener Ehrgeiz und Vernichtungswille, die nur den Gipfel, nur die Finishermedaille sehen.
Entscheidungen, die als Konsequenz ein Umdrehen, Aufhören, oder Aufgeben mit sich ziehen, tragen immer den Schein des Versagens und Scheiterns. Jeder will das Ziel erreichen, jeder möchte auf den höchsten Punkt, jeder auch alles so schnell wie möglich. Beim Ultra-Laufen treiben dich deine Emotionen zu Höchstleistungen an, du schaffst Distanzen und Höhenmeter, die du dir nicht zugetraut hättest. Dabei gehst du am Start bewusst das Risiko ein, deinen Körper schinden zu müssen, bis es nicht mehr geht. Es kann aber genau so sein, dass du problemlos, ohne Einbruch, ohne Krise und mit einem Lächeln ins Ziel läufst, als wäre der Weg ein Spaziergang. Diesmal nicht für mich. Dafür habe ich viel gelernt und freue mich schon auf‘s nächste Jahr :-)

Der Glockner, der GGUT, ist kein Biest. Und ich habe auch keine Rechnung offen. Du wirst dich immer ganz klein fühlen neben diesem Berg und hast doch jedes Mal die Chance dabei zu wachsen.

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Herzlichen Dank an das gesamte Organisations- und Helferteam des GGUT, sowie an den Veranstalter für dieses geniale Trailrunning-Event!

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