Skitourengehen: Der Reality – Bericht

Wären wir in einer alpinen Gegend daheim, wären sicher viele von uns begeisterte Skitourengeher.Die Läufer, die ich in meiner Urlaubswoche getroffen hab, waren glaub ich alle Touristen aus dem Flachland, die  unverdrossen durch Tiefschnee, über Glatteis oder durch malmigen Salzschnee torkelten und dabei eine eher erbärmliche Figur machten. Den Schnee nutzen anstatt gegen ihn zu kämpfen muss also die Devise sein.

In den letzten Jahren hab ich bei Liftfahrten immer wieder Leute gesehen, die die Pisten mit Tourenskiern hochtrotteten und mir geschworen, das auch einmal zu versuchen. (Mich nach einem Skitag auf der Loipe auszukoffern, reicht offenbar nicht...). Gesagt, getan: um je ~25 €/Tag borgten Andrea und ich uns ein komplettes Skitourenset aus. Das besteht aus etwas leichteren Alpinskiern, auf die man  ein "Fell" aufziehen kann, das mit Kleber und Spannvorrichtung (hoffentlich) am Ski hält und bergauf (gegen den Strich natürlich) den nötigen Grip verleiht, etwas weniger steifen Alpinschuhen, die man bergauf nur leicht zuschnallt, einer Bindung (mit Fangriemen, es gibt aber auch schon Stopper), die man hinten ausklinken kann, um bergauf die Fersen abheben zu können (je nach Steilheitsgrad klappt man dann noch unterschiedlich hohe Keile unter die Ferse, das lässt sich einfach mit dem Skistock verstellen) und einem Teleskopskitock, den man an die jeweiligen Bedürfnisse anpasst.

Nach einer kurzen Einschulung ging's auch schon auf die Piste (ins Gelände hätten wir uns ortsunkundig und unerfahren nicht getraut, außerdem war Lawinenwarnstufe)- und hoppla: so klass', wie wir uns das vorgestellt hatten, ging's bei Gott nicht. Mehr schlecht als recht und teilweise mit "an Schritt fire und zwa Schritt z'ruck" bewältigten wir den steilen Schlusshang, denn weder auf abgehobelten Eisflächen noch in malmigen Tiefschneehaufen wollte das Fell richtig halten. In solchen Fällen soll man die Piste kreuzen, was aber bei dem Gegenverkehr nicht unproblematisch ist. Außerdem konnten wir dabei, wenn's wirklich steil war, das Fell nicht mehr flächig aufsetzen und auf den Kanten hat man keinen Grip.... Beim Versuch des Grätschens zog ich mir erstmals das Fell vom Ski, ich war der Verzweiflung nahe. Nach etwa einer Stunde wurde der Schnee griffiger und die Pisten weniger steil und wir waren richtig schön zügig unterwegs, weiter oben hielt das Fell dann auch im Steilen und nach 2:40 und einer weiteren Montagepause waren wir 1200m höher am ersten "Gipfel" angelangt.

Überjacke und -hose anziehen, Fell abziehen und verstauen, Bindung fixieren und auf in die Abfahrt ins andere Tal. Der Genuss hielt sich in Grenzen, ist doch das Material  ein Kompromiss und im Vergleich zu heutigen Alpinskiern ziemlich weich. Mit ein bisserl Gefühl und Improvisationsgabe kommt man aber auf jeden Fall gut talwärts. Unten angelangt wollte ich solo noch den zweiten Aufstieg wagen, Andrea fuhr mit der Gondel zurück und sollte mir entgegenkommen. Ich begann ambitioniert und elegant, nach ~20 Minuten stand ich allerdings wieder ohne Fell auf der Piste - und diesmal endgültig. Im nassen Schnee hielt der Kleber nicht mehr und die Spannung, die ich bei meinem Fell nicht verstellen konnte, reichte nicht, um das Ding am Ski zu halten. Nach etwa einer halben Stunde erfolgloser Reparaturversuche musste ich kapitulieren und kurvte wieder talwärts. (Dass Andrea und ich uns endlos lang nicht fanden, ist eine andere Geschichte..).Beim Zurückgeben des Materials ein kurzes Plauscherl mit dem "Experten" - Fazit: mangelnde Erfahrung + schlechtes Material = Scheiße!!

Nach einem kurzen "nie wieder" versuchte ich's 2 Tage später doch noch einmal, diesmal solo, und mit dem neuesten Material ausgestattet. Die Erfahrungen des ersten Tages und die Topqualität des Equipments verhalfen mir dann auch tatsächlich zu einem wirklich  tollen Skierlebnis.Hilfreich war auch der Tipp: "wenn's gar nimmer geht: Abschnallen und die Skier über's Steilstück tragen.." Zwar löste sich verhexterweise wieder einmal das Fell, mit einem kräftigen Tritt bog ich aber einen zu laschen Haken zurecht und damit ging's dann: Jeweils 1:45 für 2 x 1200 Höhenmeter, teilweise streng an der Haftgrenze, teilweise quer über die befahrene Piste. 2 x 15 Minuten für die Abfahrten mit diesmal besseren Skiern.

Tourenskigehen ist ein geniales Ausdauertraining,kaum Gelenksbelastung, wenn man den Rhythmus gefunden hat, kann man genau in der Intensität gehen, die man geplant hat. Nur wenn's wirklich steil wird, ist Schluss mit Entspannung. Nachteil:  Anfänger sind wahrscheinlich bei den ersten Versuchen gut beraten, sich einen Instruktor/Guide zu nehmen, denn ganz so deppensicher, wie's von außen ausschaut, ist's auch wieder nicht. Viel Spaß beim Ausprobieren!

6 Antworten

  1. Franz Hörmann
    Bin heuer erstmals zwei Touren gegangen: War ein total gutes Erlebnis - keine der geschilderten Probleme gehabt (hatte gutes Material um € 30,- pro Tag) und werde es wieder machen. Für mich: Einfach herrlich.
  2. Harald
    Vielleicht seh` ma uns ja mal beim www.blizzardcup.at ; es überrascht mich etwas, daß ihr das erst jetzt erstmals ausprobiert habt, hätte wetten können, daß ihr sowas im Keller habt :) wo wart ihr eigentlich?
  3. Christian Trollmann
    Hallo Michi, super Bericht über deine ersten Schitouren-Erfahrungen. Ja - aller Anfang ist oft mühsam. Hängt auch vielleicht damit zusammen, dass man als Läufer zu mit den Tourenskiern zu schnell gehen will, bei extrem steilen Abschnitten funktioniert das natürlich nicht. Ich bin übrigens seit fast 20 Jahren auf Fellen unterwegs und kann gerne weiterführende Tipps und Tourenanregungen geben. Für mich ist und war das Schitourengehen neben dem Langlaufen jahrelang das Outdoorerlebnis schlechthin - mit der Extraportion an Naturerlebnis und Abenteuer-Charakter. Voraussetzung für die gesunde Ausübung ist in jedem Fall eine gewisse Zurückhaltung bei der Tourenplanung vor allem in Hinblick auf die Lawinenwarnstufe und den Verhältnissen vor Ort. lg Christian
  4. Dietmar
    du hast die fehler im prinzip eh schon selbst erkannt. im steileren gelände in sepentinen hoch (war nicht möglich wegen der piste). vorteil unserer alten ausrüstung beim öbh: spannfelle kann ich nachspannen, klebefelle nicht. die abfahrten auf der piste ohne kanten sind sehr gewöhnungsbedürftig, im gelände (tiefschnee) gehts prima!
  5. Hab mir eh gedacht, dass es da was geben muss. wollt schon Spikes reinschrauben *g*....
  6. Martin
    Hallo Michi! Bei den wirklich steilen Stücken hättest du ein Harscheisen anlegen sollen, damit gibts kaum ein Rutschen! LG Martin

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